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Waldgeist

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Waldgeist ist eine volkskundliche Sammelbezeichnung für Geistwesen, die als mit dem Wald verbunden gelten. Die vielen verschiedenen Wesen, die unter der Kategorie Waldgeister summiert werden, unterscheiden sich in Namen, Verhalten und Aussehen voneinander.Petzoldt 2014, Sp. 443. Waldgeisterüberlieferungen müssen in historischer, inhaltlicher und kulturgeographischer Hinsicht differenziert werden.Bodner 2006, S. 129. Waldgeistertraditionen entstehen nicht automatisch aus dem Kontakt mit Wäldern. Sondern sie entstehen dort, wo Menschen einen kulturellen Bezug zum Wald herstellen, etwa durch Jagd und Holzverarbeitung.Bodner 2006, S. 129.

Forschungsgeschichte

Jacob Grimm, Wilhelm Mannhardt, James George Frazer und die Vertreter der Mythologischen Schule des 19. Jh. interpretierten die Waldgeister der Volkserzählungen des germanischen Sprachraumes als Relikte vorchristlicher germanischer Gottheiten bzw. als Überbleibsel eines Baumkultes um angeblich als beseelt gedachte Bäume. Diese Theorien gelten heute als wissenschaftlich veraltet. Bei vielen Waldgeistern handelt es sich eher um lokale Kinderschreckfiguren.Bodner 2006, S. 130f.
Der Volkskundler Leander Petzoldt definiert „Waldgeister“ über einen „direkten oder indirekten Bezug zum Wald“. Es sei jedoch schwierig, die „genuinen Waldgeister“ von den Elementargeistern und den Wildgeistern abzugrenzen. Bei diesen Begriffen handelt es sich um Taxonomien der Volkskunde, für die tatsächlichen Träger der untersuchten Traditionen spielen diese Konzepte keine Rolle.Petzoldt 2014, Sp. 443. Nach Petzoldt sei grundsätzlich zwischen solitären Waldgeistern (bspw. Rübezahl, Hehmann) und kollektiven Waldgeistern (bspw. Salige Frauen, Moosweiblein) zu unterscheiden.Petzoldt 2014, Sp. 444f., 446f. Der Volkskundler Reinhard Bodner definiert Waldgeister als Wesen „mit bewohnendem, besitzendem und beschützendem Verhältnis zum Naturbereich des Waldes“.Bodner 2006, S. 129.
Auch Åke Hultkrantz, Lutz Röhrich, Ivar Paulson und Ronald Grambo leisteten Beiträge zur volkskundlichen Waldgeisterforschung.Petzoldt 2014, Sp. 448.

Waldgeister in Mittel- und Nordeuropa


Weibliche Waldgeister werden in mittelalterlichen Quellen erstmals bei Burchard von Worms erwähnt: „agrestes feminae quas silvaticas vocant“. Der erotische Aspekt dieser Waldfrauen spielt eine Rolle für die Figur der Rauhen Else im mittelhochdeutschen Wolfdietrich-Epos. Der Wilde Mann taucht dagegen in französischen Epen des 12. Jh. als Gegner der ritterlichen Helden auf.Petzoldt 2014, Sp. 445f.
Die verschiedenen Waldgeisterfiguren erfuhren im Laufe der Zeit inhaltliche Veränderungen.Petzoldt 2014, Sp. 446. Durch die Christianisierung konnten Wesen des Volksglaubens etwa zu Trickstern verharmlost oder zu Teufeln dämonisiert werden. Die Tendenz zur Dämonisierung zeigt sich in mittelalterlichen Glossen, die germanische Wörter wie Schrat und Holzfrau mit Larvae und Lamien übersetzen.Bodner 2006, S. 130. Ab der Frühen Neuzeit wurden einige Gestalten, beispielsweise der Wilde Jäger, entdämonisiert und etwa als Sünder gedeutet, die zur Strafe umgehen müssten.
Ebenfalls in der Frühen Neuzeit finden Waldgeister einen Platz in den gelehrten Dämonologien von Philosophen wie Johannes Trithemius und Agrippa von Nettesheim.Petzoldt 2014, Sp. 445. Paracelsus ordnete die Waldgeister den Sylphen bzw. Sylvesteres zu, d. h. den Elementargeistern der Luft. In seiner renaissance-humanistischen Geisterlehre wurden die Waldgeister also zu Elementargeistern entdämonisiert und als von Gott eigens geschaffene Wesen gedeutet.
In mitteleuropäischen Volkssagen erscheinen Waldgeister meist anthropomorph in Männer- oder Frauengestalt. Auch ihre Lebensverhältnisse werden oft ähnlich denen der Menschen vorgestellt: Sie leben in Familien, besitzen Haus und Hof, und werden von Königen regiert. Die verschiedenen Überlieferungen mit Bezug auf die als Waldgeister zusammengefasten Wesen sind sehr vielfältig. So wird zu Menschen ein ambivalentes Verhältnis beschrieben: Einerseits wird erzählt, wie sie Menschen heiraten, menschliche Hebammen benötigen, den Hirten das Vieh hüten und den Bauern bei der Ernte helfen. In anderen Geschichten führen sie Menschen in die Irre, versuchen sie zu töten, oder stehlen Kinder und tauschen sie gegen Wechselbälger aus. Der Umgang mit Waldgeistern wird durch verschiedene Verbote geregelt, man darf etwa weder ihren Namen aussprechen, noch auf ihren Ruf antworten.Petzoldt 2014, Sp. 443f.
In Skandinavien treten verführerische weibliche Waldgeister auf (schwed. Skogsrå, norw. Huldra), die den Menschen schaden oder nützen können. Die Waldtrolle erscheinen meist als gefährlich, hässlich und dumm.Petzoldt 2014, Sp. 447. Die Waldgeister skandinavischer Erzählungen werden oft als Herr der Tiere interpretiert.Petzoldt 2014, Sp. 447.Bodner 2006, S. 130.
== Waldgeister in Osteuropa und Baltikum ==
Datei:Girl and Leshy (Yakunchikova).jpgminiDas Mädchen und der Lešij (1899). Wandtafel aus Stoff der russischen Künstlerin Marija Wassiljewna Jakuntschikowa.
In den west- und ostslawischen Sprachen existiert eine Reihe von Geisterbezeichnungen, die auf „lés“ (dt. Wald) gebildet sind. Der älteste Beleg für den in der modernen russischen Schriftsprache „lešij“ genannten Waldgeist findet sich in einer Handschrift aus dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts. Dazu existieren Dialektformen wie „lesovík“ und „lesovój“, und weibliche Formen wie „lešaja“.Eckert 1992, S. 6. Die Entsprechung in der weißrussischen Schriftsprache ist „ljasun“. Im Ukrainischen heißt der männliche bzw. weibliche Waldgeist „lisú“ bzw. „lisúnka“. Weitere Entsprechungen sind slowakisch „leš(ák)“ bzw. „lisun“, tschechisch „leši“, polnisch „les'nik“, und slowinzisch „l'esinka“. In den südslawischen Sprachen finden sich keine Geisternamen auf „lés“, hier sind es die Vilas, die im Wald verortet werden.Eckert 1992, S. 7. Vom lešij wird erzählt, wie er im Wald schreit, Menschen in die Irre führt und Hasen umherjagd. Der Waldgeist wird teilweise als Antagonist zum Hausgeist („domovoj“) beschrieben.Eckert 1992, S. 8.
Auch in den baltischen Sprachen sind Geisternamen ähnlich auf Wörter für „Wald“ gebildet. Aus den drei litauischen Wörtern für Wald („girià“, „mlškas“, „média“) folgen die Namen „girýstis/girýkštis/girináitis“, „miškinis“ und „medeine“. Von diesen weist nur letzterer ein hohes Alter auf, und ist in Formen wie „Medeinô“, „Me(n)deina“ und „Modeina“ bereits seit dem 13. Jh. als Bezeichnung einer Waldgöttin überliefert.Eckert 1992, S. 3f. Im Lettischen sind Bezeichnungen wie „mežuons“, „mežans“ und „mežainis“ von der Wurzel *med- abgeleitet. Die Wörter bezeichnen nicht nur Geister, sondern können auch als Tabuersatznamen für Wolf und Bär stehen. Auch die in Dainas auftretenden „Meža mates“ (dt. Waldmütter) und „meža meita“ (dt. Waldtochter) gehören in diesen Zusammenhang.Eckert 1992, S. 4. Der litauische Teufelsname „kélmas“ bedeutete ursprünglich „Baumstumpf“, als Zwischenglied ist wohl ein später dämonisierter Waldgeistername anzunehmen.Eckert 1992, S. 9f.
Der Slawist und Baltist Rainer Eckert stellt eine „semantisch-wortbildungsmäßige Übereinstimmung“ zwischen den slawischen und baltischen Waldgeisternamen fest und vermutet, dass eine der Sprachgruppen hier auf die andere eingewirkt habe.Eckert 1992, S. 7.

Literatur

  • Reinhard Bodner: Waldgeister. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 33. Zweite, völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2006, ISBN 978-3-11-018388-7, S. 129–131.
  • Rainer Eckert: Zu den baltischen und slawischen Bezeichnungen des Waldgeistes. In: Journal of Baltic Studies. Band 23, Nr. 1, 1992, S. 3–16.
  • Leander Petzoldt: Waldgeister. In: Rolf Wilhelm Brednich (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Band 14. De Gruyter, Berlin und Boston 2014, ISBN 978-3-11-040244-5, Sp. 443–450.

Weblinks


Einzelnachweise


Kategorie:Naturgeist
Kategorie:Volkskunde
 
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